Schön ist das nicht
Wer durch eines der zahlreichen in den vergangenen 20 Jahren entstandenen Neubauviertel spaziert, dem könnte Hans Magnus Enzensbergers Bonmot in den Sinn kommen, wonach Architektur »im Gegensatz zur Poesie eine terroristische Kunst« sei.
Angst und Schrecken, wenn man bei diesem Bild bleiben möchte, verbreiten Architektur und Stadtplanung heutzutage vor allem durch endlose Monotonie. Es ist die oft beschriebene Gleichförmigkeit von schnurgeraden Straßen, die kein Fußgänger benutzt; von leeren Plätzen und in Reihe gestellten Würfelhäusern; von glatten Rasterfassaden und stehenden, »bodentiefen« Fenstern; von lieblos vor Lüftungsschächten platzierten Katalogspielgeräten, deren einziger Zweck darin besteht, amtliche Vorgaben zu erfüllen.
Schnell stellt sich ein Déjà-vu ein – wer ein Haus gesehen hat, kennt sie alle; wer ein Viertel kennt, kennt alle. So wie am Bahnhof beinahe jeder mittelgroßen Stadt der gleiche weiße Kubus mit seinen dünnen schwarzen Fensterschlitzen – der sogenannten Barcode-Fassade – zu stehen scheint, ähneln sich auch die Neubauviertel, ob sie Messestadt Riem in München, Überseestadt in Bremen, Franklin in Mannheim oder Neu-Oerlikon in Zürich heißen.
Die Reaktionen auf die Trost- und Ortlosigkeit dieser Gebilde fallen seit Jahren ähnlich aus. Ein prominentes Beispiel ist das Frankfurter Europaviertel, das seit der Fertigstellung der ersten Abschnitte vor knapp 15 Jahren kritisiert wird. Von »Filteranlagen für Menschen« und einem »begehbaren Anlagedepot« schrieb die FAZ, »Klötzchenspiel« titelte die Süddeutsche Zeitung, »hässlich wie die Nacht« die Frankfurter Neue Presse. In sozialen Medien charakterisieren Nutzer die Architektur als steril, trostlos, einförmig und monoton; die Assoziationen reichen von »Plattenbau 2.0« bis zur Stalinallee. Die Vision des früheren CDU-Planungsdezernenten Edwin Schwarz, der die Europa-Allee, die zentrale Achse des Europaviertels, einst als Pendant zu den Champs Elysées imaginierte, hat sich längst als Treppenwitz entpuppt. In seltener Einigkeit kommen professionelle Architekturkritik und populäre Wahrnehmung zum selben Schluss: Schön ist das nicht.
Doch die primär subjektästhetisch formulierte Kritik bleibt meist folgenlos. Zum einen, weil längst nicht alle dieselben Maßstäbe anlegen: Was die eine als abweisend und kalt empfindet, erscheint dem anderen modern, effizient und zweckmäßig. So endet die Diskussion über die Effekte architektonischer Gestaltung oft, bevor sie begonnen hat. Dann heißt es: »Schönheit liegt im Auge des Betrachters« oder »über Geschmack lässt sich nicht streiten«.
Zum anderen fehlen intersubjektiv nachvollziehbare Kriterien, anhand derer sich die ästhetische Qualität von Architektur bewerten ließe. Als individuelles Empfinden wird Schönheit zur Frage der Lebensform. Wem es im Neubauviertel nicht gefällt, muss ja nicht da wohnen.
»Schönheit wird zur Frage der Lebensform. Wem es im Neubauviertel nicht gefällt, muss ja nicht da wohnen.«
In gewissem Sinn korrespondieren diese Entwicklungen mit der Abwesenheit einer bewussten städtebaulichen Formgebung. Die heutigen Quartiere sind weniger geplant als vielmehr aggregiert: Produkte privatwirtschaftlicher Kalkulation, die im Rahmen einer »zweidimensional« gedachten technischen Stadtplanung realisiert werden. Zweidimensional bedeutet, dass ein Geflecht aus planungsrechtlichen und technischen Vorgaben eingehalten werden muss – Abstandsflächen, Belichtung, Stellplätze, Brandschutz, Kurvenradien –, während Fragen der ästhetischen und räumlichen Qualität, der Maßstäblichkeit, der Proportion oder der sozialen Choreographie des öffentlichen Raums kaum noch eine Rolle spielen.
Der Bebauungsplan, das maßgebliche Steuerungsinstrument der Kommunen, enthält folgerichtig keinerlei Aussagen über erwünschte räumliche Qualitäten. Der dreidimensionale physische Stadtraum entsteht am Ende aus der wechselseitigen Überlagerung von Renditeanforderungen und technischen Normen – nicht aus einer Idee davon, wie Stadt sein könnte.
Wie reagiert nun die Gesellschaft auf die Produktionskrise städtischer Lebensräume? Angesichts des verbreiteten Unbehagens und des Leidens an einer als seelenlos und technokratisch wahrgenommenen modernen Architektur und Stadtplanung wächst das Bedürfnis nach kleinteiligen, vielgestaltigen und architektonisch klar gefassten öffentlichen Räumen. Stadtpolitik und zeitgenössische Architektur erweisen sich jedoch als gleichermaßen unfähig, praktische Alternativen zum Bauwirtschaftsfunktionalismus zu entwickeln. Den sozialen und ästhetischen Verlusterfahrungen werden keine politischen Lösungen entgegengesetzt – etwa eine Veränderung der Bodenpolitik, der Eigentumsverhältnisse, der Planungsparadigmen oder der städtebaulichen Gestaltung.
Stattdessen wird das Heil in Vergangenheitsorientierung gesucht. Das manifestiert sich besonders deutlich in den seit den zehner Jahren boomenden Rekonstruktionsprojekten. Dabei werden längst nicht mehr nur einzelne Bauten und Denkmäler wiederhergestellt – wie das barocke Berliner Stadtschloss oder die Potsdamer Garnisonkirche –, sondern auch ganze Quartiere, historische Stadtgrundrisse und Gebäudegruppen.
»Der Stadtraum entsteht aus Renditeanforderungen und technischen Normen – nicht aus einer Idee davon, wie Stadt sein könnte.«
Was in Dresden die Neumarkt-Quartiere sind und in Lübeck Gründungsviertel heißt, ist in Frankfurt am Main die »Neue Altstadt«. Das offiziell als Dom-Römer-Projekt firmierende Vorhaben zur städtebaulichen Rekonstruktion von knapp 7000 Quadratmetern historischer Altstadt – in etwa die Fläche eines Fußballfelds – präsentiert sich in seiner gesamten Anlage wie auch in seinen Details als Gegenbild zu den Europavierteln unserer Zeit. Hier verbinden sich 35 Parzellenhäuser, teils rekonstruiert, teils zeitgenössisch interpretiert, zu einer kleinteiligen Struktur.
Der Innenbereich ist autofrei, in den verwinkelten Gassen gleicht kein Haus dem anderen. Die Erdgeschosse mit Eckcafés und Ladenzeilen kommunizieren mit dem öffentlichen Raum; farbige Fassaden sind mit Sandsteinkonsolen und Spolien verziert, die Eingänge und Wegeführungen beziehen sich auf den historischen Stadtraum. Zum Dom hin öffnet sich das Quartier in einen halboffenen Vorplatz.
Würde man hier in einer Straßenumfrage das ästhetische Empfinden der Großstadtbewohner erfassen, wäre die Antwort wohl eindeutig: Das hier gilt vielen als schön.
Und doch begegnen viele, die sich als links und modernistisch verstehen, Projekten wie der Neuen Altstadt mit Skepsis. Der Architekturtheoretiker Philipp Oswalt kritisierte in der Zeit eine »symbolische Identitätskonstruktion«, deren expliziter Rückgriff auf eine Zeit vor 1949 politisch nach rechts offen sei. Entstanden sei eine aus »technischen Bildern« generierte »Medienarchitektur«, die auf einer konservativen Idealisierung traditioneller Handwerkskunst beruhe – das sei eine Ästhetik wie aus dem Manufactum-Katalog.
Tatsächlich hat der Alltag in der Neuen Altstadt wenig mit jener Vorstellung eines lebendigen, intimen Großstadtlebens zu tun, wie es sich beispielsweise die US-amerikanische Stadtforscherin Jane Jacobs vorstellte. Zu stark ist die touristische Überformung, zu überstrapaziert sind die Räume. Reaktionär ist dabei weniger die städtebauliche Gestalt der Neuen Altstadt als die Funktion, die sie innerhalb der neoliberal strukturierten Stadt erfüllt: als kleine hübsche Konsuminsel, die streng von Arbeits- und Wohnvierteln getrennt bleibt. Das führt zu einem interessanten Paradox: Obwohl sich städtebaulich durchaus einiges von ihr lernen ließe – auch wenn es gewiss nicht im selben Maßstab auf andere Viertel übertragbar wäre –, bleibt das Viertel ungebrochen einer funktionalistischen Logik verpflichtet.
»Doch die Gestalt ihrer Straßen, Plätze und Häuser bestimmt die Formen, die soziale Interaktionen überhaupt annehmen können.«
Stadtpolitisch engagierte Linke sind an der Misere allerdings nicht so unschuldig, wie es auf den ersten Blick scheint. Es sind beileibe nicht nur Konservative, denen beim Gedanken an puppenstubenhafte Kleinstquartiere warm ums Herz wird. Auch ein Teil der Linken hat sich längst aus den übergreifenden Fragen der Stadtentwicklung zurückgezogen. Gruppieren sich linke Debatten einerseits um materielle Verteilungsfragen – Mieten, Gentrifizierung, Segregation –, richten sie andererseits ihre Aufmerksamkeit häufig auf das Kleinprojekt.
Vom gemeinschaftlichen Wohnen bis zur »stadträumlichen Aneignung«, vom Stadtgärtnern bis zum Urban Knitting: auf der linken Scholle wird versucht, einem Ideal des sozialen Zusammenlebens nahezukommen, das nicht selten den Blick auf das Ganze der Stadt verstellt. Das führt zu einer völlig verzerrten Perspektive: Einerseits werden temporäre Interventionen zu Modellprojekten einer künftigen Stadt überhöht, andererseits lassen Linke selbst großmaßstäbliche Quartiersentwicklungen kalt. So kann eine Sammlung von zum Kräutergarten umfunktionierten Europaletten als Beitrag urbaner Commons gefeiert werden, während sich die Hochhäuser und Einkaufszentren der benachbarten Neubaugebiete in die Höhe schrauben, ohne Kritik daran hervorzurufen.
Zwar können und sollen Städte keine reinen Kunstwerke sein. Sie sind primär funktionale Gebilde. Doch die Gestalt ihrer Straßen, Plätze und Häuser bestimmt die Formen, die soziale Interaktionen überhaupt annehmen können. Zwischen städtebaulicher Ersatzhandlung und dekorativem Aktivismus braucht es deshalb einen dritten Weg: den emphatischen Bezug auf die Großstadt als Ort der Emanzipation. Oder wie es der Schriftsteller György Konrád formuliert hat: »Für den Erwachsenen ist die Großstadt das, was für das Kind der Rummelplatz ist.«
Der Text erschien erstmals in der Jungle World 51–52/2025 (18. Dezember 2025) als Beitrag zum Themenschwerpunkt »Schönheit«. Für die Veröffentlichung auf Frankfurt Babylon wurde er leicht überarbeitet.
